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Datum: 18.09.2018
Rubrik: Gesellschaft

„Es war einmal schön hier“

Anwohner der Möllenstraße belastet – LKW kürzen ab – Viele Aktionen ohne Verbesserung

Herzfelde (sd). Durchlüften, einfach das Fenster aufmachen oder draußen sitzen und das schöne Wetter genießen, ist für die Anwohner der Möllenstraße praktisch unmöglich. Während die Ortsumgehungsstraße den LKW-Verkehr von der Hauptstraße aus den Ort geholt hat, scheint das Problem in den Abschnitt der Landesstraße 23 verlagert worden zu sein.


Demonstrativ haben Sigrid und Hartmut Pflock Tisch und Stühle an der Grundstückseinfahrt zur Möllenstraße hin aufgebaut. Ein normales Gespräch ist kaum möglich. Alle paar Minuten donnert ein LKW in Richtung Gewerbegebiet oder von dort kommend vorbei. „Wenn sie beladen sind, staubt und stuckt es oft. Sind die Wagen und Anhänger leer, donnert und poltert es“, beschreibt Sigrid Pflock. Die meisten LKW seien 20- und 40-Tonner und mit offenen Schüttgutbehältern unterwegs, transportieren Baumaterial und haben häufig einen eigenen Kran an Bord. Vor allem sonntags kommen noch mit A gekennzeichnete LKW dazu. „Die fahren zur Müllverbrennung“, ergänzt Hartmut Pflock. Offizielle Statistiken und Zählungen wichen indes teils weit von der Realität ab.


Manchmal kommen sich Pflocks und einige wenige Nachbarn vor, als seien sie die einzigen, die Lärm, Staub und Gerüche des starken LKW-Verkehrs belasten. Die älteren Anwohner seien müde geworden, da sich doch nichts tue, und die jüngeren bekämen die Belastung kaum mit, da sie die meiste Zeit des Tages arbeiten und nicht zuhause sind. Und doch erfahren die demonstrativ draußen Sitzenden Zustimmung von Passanten. Nur sind es bislang Einzelne, die sich offen über die Belastungen aussprechen.


Alle Stellen durch, von der Gemeindeverwaltung, über das Online-Portal Maerker, Straßenverkehrsamt, Landkreis bis zu den Landesministerien, hat Karola Herde. Sie hat sich an den Tisch zu den Pflocks gesetzt und dicke Ordner mit Schriftverkehr, Fahrzeugzählungen und allerlei mehr dabei. Auch ein Magazin, in dem die Gemeinde und Ortsteile vorgestellt werden. Unter einem Bild eines markanten Gebäudes in der Möllenstraße steht: „Gemütlich Wohnen in Herzfelde“. „Das ist purer Hohn. Gemütlich war einmal“, so Karola Heide, die seit ihrer Geburt 1963 in dem Haus wohnt. Jüngste Kontakte mit der Landtagsabgeordneten Simona Koß stimmen die Gruppe indes wieder etwas optimistischer, da sie den Eindruck vermittle, „sich wirklich zu kümmern“.


Während kaum noch LKW auf der Hauptstraße unterwegs sind, in letzter Zeit sogar viele der freien Grundstücke verkauft wurden und bebaut werden, scheint die Achse der L23 neuer Hotspot geworden zu sein. „In der Strausberger Straße wurde Tempo 30 für LKW durchgesetzt, in Grünheide ebenso. Nur für den einen Kilometer Möllenstraße geht das nicht“, sagt Sigrid Pflock.


Eine Liste mit über 200 Unterschriften, Blitzer, Verkehrsinseln, Polizeikontrollen – lang ist die Liste der gemachten Vorschläge. „Unsere Ortsvorsteherin und die Gemeinde versuchen uns zu helfen, doch irgendwo sind auch ihnen die Hände gebunden, schließlich geht es hier um eine Landesstraße“, so Karola Herde.


Staub, Lärm und Abgase machen krank. Prüfungen zur genauen Belastung wurden angeregt, fanden aber bislang gar nicht oder nur in geringem Umfang statt. Karola Herde verweist auf den Paragraf 45 der Straßenverkehrsordnung, in dem Anordnungen zum Schutz der Bevölkerung thematisiert werden. Doch es scheint keinen Weg zu eben diesem Schutz der Anwohner zu geben.


„Die Grundstücke und Häuser hier waren einst sehr begehrt und teuer. Wir waren froh, eines bekommen zu haben. Nun geht der Lärm schon ab zwei Uhr nachts los“, so Hartmut Pflock, der seit 1974 an der Möllenstraße wohnt. Einige Anwohner haben bereits die Schlafzimmer auf die straßenabgewandte Seite verlegt, um einigermaßen geruhsam schlafen zu können. Karola Herde hat immer wieder Sorgen, wenn mit dem nächsten voll beladenen LKW Schränke und Geschirr in ihrem Haus erschüttert werden. Ruhig schlafen könne sie schon lange nicht mehr. „Man muss manches dulden, wenn man an einer Landesstraße wohnt, doch irgendwo müssen die Bürger ihre Rechte bekommen“, so Herde weiter.


Nicht nur bei den Pflocks führten die Erschütterungen schon zu Rissen im Putz. Der bauliche Zustand der Möllenstraße tue ebenso wie in der Strausberger Straße sein Übriges zur Lärmbelastung bei. Beide Straßen seien kaputtgefahren und bedürfen einer Sanierung.


Erst kürzlich stellte Hartmut Pflock einen LKW-Fahrer zur Rede, warum er durch den Ort fahre trotz Umgehung. In der Zentrale habe der Fahrer geraunt „weil es kürzer ist“, bevor Hartmut Pflock mit einer Handbewegung eines weiteren Mitarbeiters des Geländes verwiesen wurde. Dass Herzfelde ein Gewerbestandort ist, sei den Bewohnern klar, doch müsse die Belastung in Grenzen gehalten werden.


„Hier kommen große Mengen an Gewerbesteuer zusammen. Spätestens seit der Maut wollen einige Unternehmen über Herzfelde zur Autobahn abkürzen und sparen“, mutmaßt Hartmut Pflock, der seit Jahren selbstständig ist. „In einem Fernsehbericht sagte ein Speditionsleiter, die Maut ist egal, Hauptsache die Wege sind kurz“, ergänzt Marina Krüger, die sich zu der Runde gesellt hat.


Der Lärmschutz sei in der Gemeinde hoch angesiedelt, weiß Sigrid Pflock, doch die Herzfelder Möllenstraße komme im Lärmaktionsplan gar nicht erst vor. Das habe nichts mehr mit Bürgernähe zu tun, so Herde weiter. Sie erinnert an ein Unternehmerfrühstück, wo die Gemeinde „schön geredet“ wurde und die „viele Industrie gelobt“, doch „auf die Bürger wird selten eingegangen“. Von mehreren Stellen wurden die Anwohner bereits enttäuscht, verstreuten sich Hoffnungen wieder. Marina Krüger, die seit 1958 Anwohnerin der Möllenstraße ist, erinnert sich noch gut an die Zeiten, als die Straße noch Kopfsteinpflaster hatte: „Das war schön damals, da kamen fast nur Anwohner die Straße entlang. Jetzt ist es extremer als auf der Hauptstraße.“


Plötzlich setzt ein Hupkonzert ein. Autofahrer machen ihrem Unmut über auf der Möllenstraße geparkte Fahrzeuge Luft, die die LKW zum Abbremsen zwingen. Motorradfahrer nutzen die Strecke gern zum „Hochtouren“, zwar nicht viele, doch die wenigen genügen. Lieferfahrten zur Biogas-Anlage über die Möllenstraße bahnen sich vor allem am Wochenende ihren Weg, berichtet Hartmut Pflock. Doch auch am Wochenende und vor allem sonntags gehe die Belastung in eine neue Runde: Landwirtschaftliche Fahrzeuge und LKW mit hoher Geruchsbelastung kommen dann angerollt.


Eine der wenigen neuen Anwohner, die nun bei Familie Pflock im Haus wohnt, pflichtet den Ausführungen bei. Zwar sei sie selbst den Tag über oft unterwegs, doch trotz Lärmschutzfenster sei die Belastung enorm. „Es war einmal schön hier“, sind sich Herde, Pflocks und Krüger einig. Mit mehr Unterstützern hoffen sie doch noch etwas mehr bewegen zu können.


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