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Datum: 14.09.2018
Rubrik: Kunst & Kultur

Sinneswandel ist Kunst und Ort zugleich

Scarlett O‘ und Jürgen Ehle fesseln ihr Publikum und leben nach eigenen Regeln

Fredersdorf-Vogelsdorf (mei). Ein Sonntag Anfang September: Tag des offenen Denkmals auf dem Gelände das alten Gutshofes in Fredersdorf-Vogelsdorf. Ambiente aus alter Zeit und viel Grün, kreativ-freundliche Menschen beisammen, es gibt Malerei, Holz- und Steinkunst, Leckeres und Einfaches für den Gaumen. Eine Atmosphäre, die mit schlichten Mitteln Zauber schafft. Als Highligt für den Schluss angekündigt: Ein Konzert des Duo Scarlett O‘ und Jürgen Ehle.
Wer in der DDR groß geworden und auch nur gelegentlicher Radiohörer ist, weiß über Jürgen Ehle sofort: Musiker der Rockband Pankow, ein Gott unter den Gitarristen dieser Welt. Insider wissen mehr: Komponist, Produzent, Songtexter; seit vielen Jahren in verschiedenen Musikprojekten aktiv. Zuletzt auch wieder mit der Dresen-Prahl-Band zur Begleitung des deutschlandweiten Starts eines Filmes über den 1998 viel zu früh verstorbenen ostdeutschen Rockpoeten Gerhard „Gundi“ Gundermann.
Seit 20 Jahren Lebens- und Kunstgefährtin ist Scarlett O´, eine Frau mit starkem Charakter, die spürbar gelernt hat, wie das Leben nur gibt, was frau sich nimmt. So absolvierte die gebürtige Buckowerin einst eine Lehre auf dem Bau in Frankfurt (Oder), ehe sie ab 1978 parallel zum Studium des Bauwesens auf dem Cottbuser Konservatorium Gesang studierte und zu den Gründungsmitgliedern der erst 2001 aufgelösten Folkgruppe Wacholder gehörte.
Der 62-jährige Ehle und seine ein Jahr jüngere Partnerin sind nicht gealtert. Die sind gereift, als Künstler und als Menschen.
Ihr seit 2013 gespieltes und immer wieder verändertes Programm „LieblingsLieder“ wird an diesem Abend geboten. Es ist ein Querschnitt der besten Stücke aus dem gemeinsamen Schaffen der beiden. Zum Wiederfinden, Kennenlernen, Schwelgen, Lachen, berührt sein und Mitsingen. Ein bunter Mix aus verschiedenen Zeiten, Genres und Erdteilen, aus eigener und fremder Feder. Nie nur kopiert, stets mit eigener Interpretation. Ob mit „Ein Freund, ein guter Freund“ oder „Das gibts nur einmal, das kommt nicht wieder“, dem einst vor den Nazis in die USA geflohenen Komponisten Werner Richard Heymann gilt  die spürbar große Bewunderung des Duos. Auch die Beatles, Rio Reiser, „Gundi“ und viele andere gestalten das Programm mit, indem sie Lieder leihen.
Kunst kommt hier von „Können“. Stimmvolumen, spielerisch leicht wirkende Präzision und die feine, intelligente, aber auch geerdet wirkende Ausstrahlung von Scarlett O‘ ziehen das Publikum in ihren Bann. Das Spiel von Jürgen Ehle auf verschiedenen Saiteninstrumenten, das sich mal geschickt in den Hintergrund schiebt und mal ein ganzes Orchester ersetzt, zeigt die Meisterschaft des Künstlers, der auch als Sänger brilliert. Die Chemie zwischen den beiden, die sich seit 20 Jahren lieben, gemeinsam das Leben und die Kunst meistern, springt über den Bühnenrand.
Das Publikum, zuerst mit den üblichen Hemmungen, wird von Minute zu Minute gelöster, fühlt sich geborgen und angenehm überrascht im Bann des Duos. Spätestens bei der letzten Zugabe, dem „Abendlied“ von Matthias Claudius, singt auch der Letzte „... und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar“ voll Freude mit.
Im kurzen Gespräch nach dem Konzert geht es um das Werden als Menschen und Künstler, Konsequenz, Unbestechlichkeit und den Preis dafür. Jürgen Ehle erzählt davon, wie er in Kindheit und Jugend kaum etwas anderes tat, als Gitarre zu üben und trotzdem heute vor jedem Respekt hat, der unbeholfen zwei Akkorde hinkriegt: „Vor allem geht es um den Spaß.“ Was ein Song braucht, um „LieblingsLied“ zu werden? „Vor allem müssen Form und Inhalt stimmen. Wir wurden im Osten sozialisiert. Hier konnte man seine Kunst betreiben, ohne auf Verkaufszahlen zu achten. Das wollen wir behalten“, erklärt Ehle und fügt hinzu, wie froh die beiden seien, unabhängig in ihrer Kunst bleiben und davon leben zu können. Vielen gelänge das nicht.
Hinter „Sinneswandel“ steckt mehr als ein musikalisches Projekt, es ist auch der Name eines speziellen Fleckens Erde in einem nahen, sehr kleinen Dorf. Liebenhof 12 heißt die Adresse in dem 35 Seelen-Örtchen, für die Scarlett O`und Jürgen Ehle  vor sieben Jahren ihre Wohnung in Berlin-Pankow verließen. 4.000 Quadratmeter Land und ein abrißreifes Haus übernahmen sie hier und schufen über Jahre hinweg einen Lebensraum, der ihre Persönlichkeiten, aber auch ihre Überzeugungen widerspiegelt, ihrer Kreativität Raum schenkt und eine Einladung an alle darstellt, die offen sind, vielleicht ihren Sinn zu wandeln.
Mit viel Geduld und Geschick sowie Hilfe von Freunden und Verwandten wurde Liebenhof 12 über die Jahre zu einem Objekt vegetarischen, fast veganen Lebens, das echte menschliche Bedürfnisse erfüllt und die Verlockungen des Mainstreams ignoriert. Der Umbau des Hauses gelang mit dem, was andernorts übrig geblieben ist oder lange Zeit in anderen Gebäuden diente. Dämmung mit Hanf, Verkleidung aus Holz, geputzt wurde mit Lehm. „Wir stehen auf Materialen, die schon einmal gelebt haben“, sagt Scarlett O`. Ab- und Regenwasser wird hier für den Garten genutzt, die Heizung regeln Direktwärmepumpen.
Drinnen ist es warm, auch atmosphärisch. Nahezu jedes Detail hat eine eigene Geschichte, vom Fenster bis zur Treppe. Manches wurde so mühsam beschafft und aufbereitet, dass es sogar einen eigenen Namen bekam. So wie „Bulli“, das mittelalterlich wirkende Buntglasfenster im Dachgeschoß einer Giebelseite.
Hier leben die beiden, arbeiten im eigenen Studio, proben und laden häufig ein. Zu kompletten Konzerten. In der warmen Jahreszeit finden sie im regensicheren Weidendom für bis zu 80 Personen im Garten statt. Jetzt, wo es kühler wird, haben maximal 50 Gäste ihre eigenen Hausschuhe für die Events im Wohnzimmer mitzubringen. Hier genießen sie Musik ohne Mikrofon oder Filter, dargeboten von den Gastgebern gemeinsam mit Künstlern, die in den vergangenen Jahren die musikalischen Wege der beiden kreuzten. So wird aus jedem dieser Konzerte ein Treffen von Freunden. Mit dem nächsten „Hausschuh-Konzert“ am Samstag, 13. Oktober 2018 beginnt der Nordire Colum Sands seine Deutschland-Tournee. Nachdem 50 Karten binnen Stunden verkauft waren, findet nun am selben Tag ein Zusatzkonzert statt.
Mehr Informationen und Kontaktdaten für Kartenbuchungen finden Interessierte unter www.scarlett-o.de.


BU: Eigen und einig in der Kunst wie im Leben: Jürgen Ehle und Scarlett O‘, das Duo Sinneswandel.     Foto: BAB/mei

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