Regionalwetter

Nachrichten

Datum: 31.05.2018

Die Mischung erhalten und den Dialog suchen

Poller ruft teils unterschiedliche Reaktionen hervor – Das Herz Strausbergs „braucht sich nicht zu verstecken“

Strausberg (sd). Es gibt wohl kaum ein anderes Thema, das in Strausberg so lange behandelt wird und derart vielfältige Reaktionen hervorruft, wie die Große Straße. Vor allem der zweite Poller im Nordbereich bewegt die Gemüter, doch das Herz der Altstadt brauche sich nicht verstecken und solle vorangebracht werden, sind sich immer mehr einig.
Nach der Testphase Anfang des Jahres ist der automatische zweite Poller installiert. Da die Metallsäule noch nicht automatisch hochfährt, weisen hauptsächlich das Stadtmobiliar, in Form grauer Blumenkästen, und Verkehrsschilder darauf hin, dass die Durchfahrt noch immer verboten ist. Während immer wieder Auto- und Radfahrer einfach durchfahren, bleiben andere stehen, zögern, fahren weiter oder wenden umständlich an der Einengung vor der Buchhandlung Micklich.
„Das absolute Chaos. Praktisch jeder Kunde beschwert sich und fragt, was denn los sei“, berichtet Dirk Schliebs, dessen Juweliergeschäft auf der anderen Straßenseite ist. Früher habe es auch funktioniert und so lange der Poller unten sei, zeige sich, dass es auch gehe. Somit erübrige der Poller sich, da die Leute langsamer und aufmerksamer fahren müssen. Im ersten Quartal hat Schliebs bereits deutliche Umsatzeinbußen verzeichnet. „Die Leute sind einfach gestresst von dem Verkehrschaos. Vor den Geschäften halten ist kaum möglich“, erklärt der Juwelier und unterstreicht, mit dem Poller werde dem Norden der Altstadt der Todesstoß versetzt.
„Der Verkehr in der Georg-Kurtze-Straße und am Buchhorst hat merklich zugenommen. Die Predigerstraße ist viel zu eng für die Verkehrsumleitung. Erst kürzlich habe ich jemanden getroffen, dem schon das siebte Mal der Spiegel abgefahren wurde“, berichtet Passantin Petjula Flohr. Insgesamt müssten längere Wege in Kauf genommen werden und es sei gefährlicher. Je unübersichtlicher es wird, mit dem Auto in die Stadt zu fahren, desto mehr machen einen Bogen um die Große Straße, kommentiert ein Passant.
Karin Schubert mit ihrem Hochzeitshaus, erklärt ihren Kunden, wie sie den Poller am besten umgehen, wenn sie gefragt wird, wie sie weiter in die Stadt kommen. „Was machen sie denn mit ihrer schönen Stadt?“, bekommt sie oft zu hören. Kunden seien zudem bereits genervt, wenn sie Geschäfte suchen und diese nicht finden. Die Gewerbetreibenden helfen da untereinander weiter und geben Tipps. Schon das Stadtmobiliar habe den Verkehr chaotischer gemacht. Von einem Schildbürgerstreich spricht Schubert mittlerweile.
„So wie es jetzt ist, ist es Mist. Nur längere Fahrzeiten und Wege. Mein Mann läuft schon das dritte Mal mit dem Einkauf zum Auto. Ich bin nicht so gut zu Fuß und damit nicht die einzige“, macht Martina Fischer ihrem Unmut Luft. Die Eggersdorferin kam gern in die Strausberger Altstadt mit den abwechslungsreichen Geschäften. Doch in letzter Zeit deutlich weniger, auch wenn sie bereit ist, etwas mehr zu zahlen, um dafür Einkaufen, Altstadtflair und „ein Käffchen“ miteinander zu verbinden. „Ich liebe solche Orte“, so die Eggersdorferin, die sich selbst als „Bummelantin“ bezeichnet. Besonders für Ältere und Menschen mit Einschränkungen sieht sie massive Probleme. Ganz zu schweigen von dem „ewigen Kampf zwischen Fußgängern, Radfahrern und Autos“ – das sei aber ein anderes Thema.
„Es wäre wünschenswert, wenn sich die Stadtverordneten zu ihren Beschlüssen bekennen, Fehler ausräumen und mit mehr Nachhaltigkeit formulieren“, sind sich Dirk Schliebs und Augenoptikermeister Thomas Frenzel einig. Mit Sorge schaut Frenzel gen Norden, hat doch der Bäcker mit seinem markanten Eckgeschäft quasi direkt neben seinem Brillenstudio sein Geschäft aufgegeben. Wie er beobachtet hat, werde vor allem im Bereich Markt bis Wriezener Straße gerne deutlich schneller gefahren, obwohl die ganze Altstadt eine Tempo-20-Zone ist. „Viele leben von der Laufkundschaft, daher wäre eine effektive Geschwindigkeitsreduzierung oder Maßnahme, dass alle sich an die 20 km/h halten, sinnvoll“, so Frenzel. Schweller sind eine Maßnahme, die zuletzt stärker in den Fokus rückt.
Zu einer angedachten Fußgängerzone gibt es differenzierte Meinungen. „Wenn so wie jetzt links und rechts Autos geparkt sind, wird automatisch langsamer und vorsichtiger gefahren. Mit einem verkehrsberuhigten Bereich ginge es noch langsamer, Parkplätze fehlen.“, beschreibt Zoran Sambol. Von seinem Reisebüro aus kann er das Geschehen gut verfolgen. Touristen würden abgeschreckt, Läden seien kaum zu erreichen, umschreibt er weiter. „Andere wären froh über so eine Altstadt“, so Sambol. Mehr Kultur würde auch Menschen anlocken ist er sich sicher und ergänzt, für solche Zwecke sei die Sperrung per Poller nützlicher.
Dass das Stadtmobiliar nicht nur Sitzplätze und kleinere Spielgeräte und vor allem Grün bietet, ist inzwischen offensichtlich. Doch die angedachte Nutzung für Fahrradstellplätze und kleinere Kunstausstellungen bleibt bislang aus.
„Wir brauchen unsere Altstadt nicht zu verstecken. Es müssen jedoch auch Rahmenbedingungen geschaffen werden, die Vielfalt zu erhalten und zu fördern“, erklärt Thomas Frenzel. „Wir sollten nicht über die Straße sprechen, sondern mit den Leuten“, unterstreicht Jens C. Andreas von der Stadt-Apotheke. Für ihn ist es wichtig, bei Ausbildung und Beruf engere Netzwerke zu schaffen, Vorhandenes zu nutzen und so junge Leute zu binden. Auch bietet seiner Meinung nach das Areal des angedachten Altstadtcenters viel Potential für eine umfassende und nachhaltige Entwicklung. „Mit dem Poller wurden einfach Fakten geschaffen, das ist irritierend. Als Buchhändler lebe ich auch vom Händlermix, der durch neue Geschäfte noch bereichert wird. Es gibt Unternehmer, die investieren würden, nur muss der Rahmen passen“, so Falko Micklich. Statt unausgewogener Beschlüsse und der Abwiegelung der Gewerbevereinsmitglieder hätte nicht nur er sich Dialoge zu Stärken, Zukunft und Familienfreundlichkeit der Stadt gewünscht.
Ideen und Initiativen sind da, nur ein Konsens und Austausch fehlen scheinbar. Eine schnelle Lösung sehen nur wenige und machen daher das Beste aus der aktuellen Lage. Der runde Tisch sei zudem ein Format mit Potential, neue Ideen in eine beinahe „unendliche Geschichte“ zu bringen. Auch weiterhin werden die Geschäfte der Großen Straße mit ihrer Beratung und ihren vielfältigen Dienstleistungen für alle Strausberger und ihre Besucher persönlich zur Verfügung stehen, wie die Inhaber betonen.


BU1: Von Links: Petjula Flohr (Kundin), Anja Höhne (Fleischerei), Thomas Frenzel (Brillenstudio), Birgit Rohde (Schreibwaren), eine Mitarbeiterin von Lederwaren Radtke, Karin Schubert (Hochzeithaus), Jens Andreas (Apotheke), Gitta Leim (Laufsteg Mode), Zoran Sambol (TUI), Dirk Schliebs (Juwelier).      Fotos (2): BAB/sd


BU2: Thema verbindet: Karin Schubert, Jens Andreas, Gitta Leim und Petjulia Flohr (von links) diskutieren.

Weitere Meldungen aus dieser Rubrik

Nach Strausberger Modell

Strausberg (sd). Fast genau ein Jahr verging vom Richtfest bis zur feierlichen Schlüsselübergabe des neuen... [zum Beitrag]

Verfahren wurde eröffnet

Verfahren wurde eröffnet Gemeinde Rüdersdorf sucht Träger für 110 Kita-Platze Rüdersdorf (e.b./mei). Die... [zum Beitrag]

Schöneiche will Sandstraßen beseitigen

Schöneiche (BAB). Die Zustimmung von Anliegern zu Straßenbaumaßnahmen an bisher unbefestigten Straßen ist... [zum Beitrag]

„Kann deutlich darüber hinausgehen“

Strausberg (sd). Die Stadt soll einen Lärmaktionsplan erhalten, wozu Dienstagabend auf einer... [zum Beitrag]

Einstieg in neuer Position mit...

Strausberg (sd). Seit dem 15. März hat Strausberg eine neue Citymanagerin. Mit der Organisation des... [zum Beitrag]

Sanierung wird abgeschlossen

Sanierung wird abgeschlossen Goetheschule zum neuen Schuljahr startklar Neuenhagen (e.b./mei). Zum... [zum Beitrag]

Moralischen Anforderungen gerecht werden

Moralischen Anforderungen gerecht werden Gedenken an das gescheiterte Stauffenberg-Attentat mit... [zum Beitrag]

Neuer Betreiber für das „Haus der...

Hoppegarten (lh). Knapp ein Jahr lang wurde das Haus der „Generationen" von der Gemeinde selbst... [zum Beitrag]

Kaverne außer Betrieb

Kaverne außer Betrieb Steinsalzkaverne offenbar unwirtschaftlich Rüdersdorf (e.b./mei). Die... [zum Beitrag]